Vortrag „Von der Anti-Psychiatrie zur Anti-Zwangspsychiatrie“ mit Rene Talbot

Bald ist es so weit: der zweite Vortrag in der Reihe „Einführung in Psychiatriekritik“ steht an:

Rene Talbot wird über aktuelle Entwicklungen, der Möglichkeit mit der Patient*innenverfügung rechtlich gegen Zwangsmaßnahmen vorzugehen und die „Irrenoffensive Berlin“ referieren.

Ort: Das Cafe in der Hechingerstraße, Eingang hinterm Haus der Hechingerstr. 46

Montag, 16.7.2018 20 Uhr

Einen kleinen Einblick kann ein Vortrag geben, den er zu ähnlichen Themen letztes Jahr in der Charite Berlin ,von einer studentischen Initiviative eingeladen, gehalten hat:

Link ist hier einsehbar

Die Irrenoffensive Berlin ist eine seit 1980 existierende selbstorganisierte, politische Gruppe Psychiatrieerfahrener.

Vortrag Peet Thesing „Feministische Psychiatriekritik“

Es nähert sich der erste Termin der Vortragsreihe „Einführendes in die Psychiatriekritik“.

Termin ist wie schon geschrieben der 7.Juni 2018, 20 Uhr im Buchladen RosaLux in der Tübinger Altstadt- schräg gegenüber vom Weltladen in der Nähe von der Bushaltestelle „Stadtgraben“.

Hier der Flyer:

1 Vortrag

2 Vortrag

Hier noch einmal die Kurzbeschreibung des Vortrags:

Peet Thesing liest aus ihrem Buch „Feministische Psychiatriekritik“. Das Thema Psychiatriekritik ist schon lange aus dem Blickfeld von Feminist*innen verschwunden. ›Helfende‹ Maßnahmen werden nicht (mehr) gesellschaftskritisch analysiert, auch psychiatrisch-medizinische Ansätze werden nicht auf ihre strukturelle Bedeutung hin befragt – Geschichte scheint es in der Psychiatrie nicht zu geben.

Dabei sind viele Fragen offen: Wie eigentlich entstehen ›psychische Krankheiten‹ in dieser Gesellschaft? Wie wird zwischen krank und gesund (nicht) unterschieden? Wird Homosexualität tatsächlich nicht mehr als Krankheit betrachtet? Womit wird psychiatrische Gewalt begründet? Welche Rolle spielen legale Drogen und Therapien? Hört die feministische Forderung »My body, my choice« bei Essstörungen und Selbstverletzungen auf?

Thesing hinterfragt psychiatrische Ansätze aus einer gesellschaftskritischen Perspektive. Dabei orientiert sich die Autorin am Wissen Psychiatrie-Erfahrener. Es geht um die Trennung zwischen gesund und krank, um die Entstehung von Diagnosen, um Homosexualität und Hysterie und die Macht der Gutachten. Es wird beschrieben, wie psychiatrische Gewalt funktioniert; Fesselungen und die Verabreichung von Medikamenten werden dabei ebenso analysiert wie psychische Zugriffe.

Abschließend werden Optionen vorgestellt, die Handlungsfähigkeit wieder möglich macht, wenn die Psychiatrie sich nicht als Ort des ›Helfens und Heilens‹ erweist. Es wird auch ausreichend Zeit für Fragen und Diskussion geben.

Also gerne kommen und weitersagen!

Vortrag „Anti-Zwangspsychiatrie aktuell“ mit Rene Talbot

Am Montag den 16.Juli 2018 kommt Rene Talbot vom Werner-Fuß-Zentrum Berlin nach Tübingen um über die „Irrenoffensive“ Berlin, die Patientenverfügung (eine mögliche rechtliche Hürde gegen Zwangsmaßnahmen) und aktuelle Entwicklungen zu referieren.

Ort: Das Cafe in der Hechingerstraße, Eingang hinterm Haus der Hechingerstr. 46

20 Uhr

Interview „Wüste Welle“

Im freien Radio „Wüste Welle“ gab es ein Interview in der Sendung „Resonanz Con(tra)sens“, das wir zur Vortragsreihe geführt haben, hier 2 Links:

Link 1

Link 2

Erster Ansatz von Grundsatzerklärung

Da es im Bereich Psychiatrie-Kritik vieles gibt, was die PKIT als kontraproduktiv, gefährlich oder verwerflich einstuft, benötigt es einen ersten Ansatz von Grundsatzerklärung in Form von ein paar Abgrenzungen- auch um Vorurteile gegen Psychiatrie-Kritik abzubauen, die die PKIT betreibt.

1. Keine Leugnung des Leidens unter Symptomen von Individuen sowie nicht der Rat in jenem aus falsch verstandenem „Protest“ zu verweilen. Es kann nicht das Ziel sein, sich keine Hilfe zu holen- und Strukturen, die in dem Bereich kompetent sind und eine wirkliche Alternative darstellen sind leider recht selten. Auch ist immernoch ein wirklich offener, angstfreier Umgang mit Symptomen in vielen Kontexten nicht einfach möglich.
Dennoch steht auch die Psychologisierung und Psychiatrisierung der Gesellschaft zur Kritik, denn hier wird statt Probleme gesellschaftlich/ politisch anzugehen ein Umgang propagiert indem der/die Einzelne sich als Ursache und Problem sieht und dies so angeht. Auch gesellschaftliche Probleme werden oft unter der „psychologisierten“ Brille angeschaut- und so passiert es beispielsweise in der Berichterstattung, dass „psychisch krank“ als Stigma reicht, wenn man sonst Gründe finden müsste.

2. Der Ruf nach Alternativen kann ohne eine Kritik, die weiß was sie kritisiert kein erfolgsversprechender sein. Die PKIT lehnt die Funktion der Psychiatrie als Institution im Kapitalismus ab.
Psychiatrie beschränkt sich dabei nicht auf das Gebäude, sondern ein Prinzip wie in der Gesellschaft-grob gesagt- mit Widersprüchen umgegangen wird.
Menschen, die die Produktionsabläufe stören oder einfach nicht mithalten können oder wollen werden unter normativen Gesichtspunkten ausgegrenzt (in persönlichen Vorbelastungen des/der Einzelnen spielen nicht selten patriarchale Familienverhältnisse, bürgerliches Schulsystem, Sexismus, Rassismus und andere gesellschaftliche Ausgrenzungs- und Unterdrückungsformen eine Rolle).
In den psychiatrischen Kliniken existieren immer noch Zwangsunterbringung, Zwangsmedikation sowie umstrittene Methoden wie die Elektrokrampftherapie.
Gesellschaftlich wird den Menschen nahegelegt, dass sie selbst das Problem seien und allein an sich (bzw. an ihrem Verhalten) etwas ändern müssten. Wo Pflegekräfte überarbeitet und überfordert sind werden in höherem Maße Zwangsmaßnahmen eingesetzt. Wo die Hoffnung besteht auf „Reintegration“– und das heißt in der Regel Fähigkeit auf dem Markt und im (kapitalistischen) Alltag zu bestehen (in denen ein hohes Maß an Stress und Konkurrenzkampf mit all seinen Auswirkungen gegeben ist) wird investiert über Rehabilitationszentren etc.
Eine Menge von Menschen landen in Heimen, auf dem sogenannten „2.Arbeitsmarkt“ in schlechen Lohnverhältnissen oder in Behindertenwerkstätten, wo oft ausgelagerte Produktionsschritte von Firmen für ein Minimum an Lohn ausgeführt werden.
In diesem Sinne kritisiert die PKIT die Psychiatrie nicht losgelöst von den Verhältnissen, in denen wir leben und sieht sich darum im Kontext zu anderen Bewegungen, die diese Verhältnisse angehen sowie antifaschistische, antisexistische, antirassistische Aktionen und Bewegungen sowie Aktionen und Bewegungen gegen Antisemitismus. In diesem Sinne tritt die PKIT für eine solidarische Gesellschaft ein.
Dies ist ein lange nicht vollständiger Anriss einer Kritik, der lediglich eine Orientierung darstellen soll.

3.Das heißt auch, dass wir- die in diesen Verhältnissen leben- aus dem Widerspruch nicht einfach herauskommen unsere Bedürfnisse in jenen erfüllen zu suchen. Es gibt einige Menschen, die sagen: „Die Psychiatrie hat mir geholfen!“– und an diesem Empfinden ist nicht zu rütteln, es widerspricht aber auch nicht der Kritik der PKIT, dass es möglich ist einen Nutzen aus dieser Institution zu ziehen oder, dass es engagierte menschliche Psychiater gibt (was begrüßenswert ist).


Noch ein paar Punkte, die sich besonders auf verschiedene Ansätze beziehen, die im Bereich „Psychiatrie-Kritik/Anti-Psychiatrie“ auftauchen:

4. Die PKIT vertritt das „Feindbild Psychiater“ nicht, das einige Zusammenhänge vertreten. Psychiater üben eine (scheinbar) machtvollere Funktion aus als manch andere Berufe- diese muss aber in gesellschaftlichen, rechtlichen und wirtschaftlichem Kontext gesehen werden. In diesem Sinne gibt es keine „Ärzteklasse“– außerhalb von Verschwörungstheorien.

5. Die PKIT spricht sich gegen jede Relativierung vom Nationalsozialismus aus. Diese Relativierungen stuft sie als gefährlich ein und sie verschleiern zudem eine treffende Analyse, was die Psychiatrie heute ist. Eine längst nicht abgeschlossene Aufarbeitung der Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus wird zudem als notwendig angesehen.

6.Die PKIT ist gegen jede Form von Verschwörungstheorien, die beispielsweise Krankheiten wie Aids leugnet, eine Verschwörung der Ärzte gegen die Menschheit konstruiert etc.
Eine Verschwörungstheorie liegt grob gesagt dann vor, wenn das einzige Argument die Nicht-Widerlegbarkeit der Behauptung ist, Fakten aufgrund genereller Ablehung von anerkannten Quellen negiert werden mit der einzigen Behauptung, dass diese „manipuliert“ sei ohne es ihr nachvollziehbar und stichfest nachzuweisen.

Dies muss so ausführlich niedergeschrieben werden, da die Skepsis vieler wenn sie „Psychiatrie-Kritik“ hören nicht komplett unberechtigt ist- so sind auch beispielsweise Scientology gegen die Psychiatrie. Eben aus anderen Gründen und vor allem mit einem anderen Ziel (Menschen in Notlagen zu instrumentalisieren und zu vereinnahmen).

Dies ist kein geschlossenes Manifest, aber erste wichtige Grundsätze um eine Basis zu schaffen, in der emanzipatorische (fortschrittliche), Ernst zu nehmende Psychiatrie-Kritik stattfinden kann die die Verhältnisse tatsächlich angeht und sich nicht an Dogmen abarbeitet oder nur um sich selbst im Kreis dreht.