Vortrag „Radikalisierungsprozess in der Psychiatrie im Nationalsozialismus – von der Zwangssterilisation zu den Vernichtungsaktionen gegen ‚psychisch kranke‘ Menschen“ am 28.6.2019

Zeit: 28.6. 2019, ab 19:15 Uhr

Ort: Tübingen, Kupferbau (Hölderlinstraße 5), Hörsaal 22

Gesellschaftliche Exklusionsprozesse bergen in sich immer die Gefahr der Radikalisierung, die die Menschenwürde und das Lebensrecht der Ausgeschlossenen bedroht. Während des Nationalsozialismus sind 400.000 Menschen zwangsweise sterilisiert und 300.000 Menschen getötet worden, weil sie psychisch krank waren und sich abweichend verhalten hatten. Bereits vor 1933 hatte eine eugenisch-rassistische Radikalisierung der Anstaltspsychiatrie stattgefunden, an die im Nationalsozialismus angeknüpft wurde. In den großen psychiatrischen Anstalten begann sich mit der Entdeckung der Schocktherapien ab 1936 eine grauenhafte Ausgrenzungsdynamik von Heilen und Vernichten zu entfalten. Neben der Darstellung der Ereignisse werden soziologische, institutionelle politische und sozialpsychologische Entwicklungslinien skizziert, die dazu führten, dass Ärzte und Pfleger Menschen töteten.

Der Referent Hans-Ludwig Siemen beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit der Entwicklung der Psychiatrie im letzten Jahrhundert. Er hat viele Jahre in psychiatrischen Kliniken gearbeitet, gründete 1987 den sozialpsychiatrischen Verein „Die Wabe“ in Erlangen und war 20 Jahre deren Vorsitzender. Er ist als Psychoanalytiker in freier Praxis niedergelassen.

Flyer:

Vortrag Psychiatrie im NS

Vortrag Psychiatrie im NS Rückseite

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Kleiner Exkurs zu Psychiatrie im Nationalsozialismus in Tübingen (wird nicht im Vortrag behandelt, nur zur Ergänzung des Lokalbezuges):

Ein kleiner Textausschnitt über Psychiater in Tübingen zur Zeit des Nationalsozialismus aus „Zwischen Begeisterung und Opportunismus: Die Universitätsstadt Tübingen in der Zeit des
Nationalsozialismus“ von Benigna Schönhagen, Historikerin, Honorarprofessorin an der Universität Tübingen, Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben:

„Besondere Karrieremöglichkeiten boten die Biowissenschaften, die sich unmittelbar für die Verwirklichung der NS-Ideologie in Dienst nehmen ließen. Da avancierten dann Hochschullehrer zu Exponenten — unmittelbar auch Exekutoren — rassistischer Wissenschaft wie der Oberarzt an der Nervenklinik und Jugendpsychiater Robert Ritter. Seine rassen-hygienischen und erbbiologischen Untersuchungen führten zur anthropologischen Erfassung und Vermessung von „Zigeunern“ und sog. Zigeunermischlingen. Ritters Forscherdrang und Ehrgeiz machten auch vor KZ-Toren keinen Halt. Seine Karteien wurden zur Grundlage für die rigorose Verfolgung der Sinti. Ritter schlug vor, die Verfolgung auch auf sämtliche Ballastexistenzen, wie er sich ausdrückte, auszuweiten.29Ein besonderer Vertreter des Nationalsozialismus an der Universität war der ehrgeizige Psychiater und Vererbungsforscher Hermann F. Hoffmann. Mit seinen Vorstellungen von der Vererbbarkeit krimineller Veranlagungen bereitete er die rassenhygienische Gesetzgebung des NS-Staats wie das Sterilisationsgesetz und das Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher vor
„ Alle unsere praktischen Maßnahmen und auch unsere wissenschaftliche Forschungen sollen daher unter der Leitidee stehen, Wert und Bedeutung des einzelnen für die Gemeinschaft zu steigern, … Unwert aber zu beseitigen, auszumerzen oder zum mindesten sein Unwesen auszuschalten,“
lautete seine Überzeugung.30 1936 unter politischem Druck zum Rektor der Universität gewählt, ließ sich der Mitbegründer der Wissenschaftlichen Akademie des NS-Dozentenbundes für die traditionsreiche Rektorengalerie nicht wie üblich im Talar, sondern in Uniform der SA malen, was seinem nationalsozialistischen Missionseifer entsprach. In den 60erJahren von Studenten wieder „entdeckt“, wurde dieses Ölgemälde zum Anstoß der Studentenbewegung in Tübingen und ihrer Auseinander-setzung mit der braunen Vergangenheit der Universität.31

29.Irmgard Bumiller, „Getarnter Schwachsinn“. Der Tübinger Beitrag zur nationalsozialistischen „Zigeuner“-Verfolgung, in: Nationalsozialismus in Tübingen. Vorbei und vergessen, Katalog zur Ausstellung, hg. von Benigna Schönhagen. (=Tübinger Kataloge 36),Tübingen 1992, S.103-111.
30.Martin Leonhardt, Der „Rektor in SA-Uniform“: Hermann F. Hoffmann, in: Ausstellungskatalog Nationalsozialismus in Tübingen. Vorbei und vergessen, 1992, S. 112-120,hier S.116; ders., F. Hoffmann (1891-1944). Die Tübinger Psychiatrie auf dem Weg inden Nationalsozialismus, Sigmaringen 1996.
31.Siehe Nationalsozialismus in Tübingen. Vorbei und vergessen, S.414f.

Ton/Bildschau „Pippi im Folterland- über Zwang, Willkür und Isolation in der Zwangspsychiatrie“ am 13.5.

Wann? 13.5.2019, ab 19 Uhr

Was? „Pippi im Folterland – über Zwang, Willkür und Isolation in der Zwangspsychiatrie“ – Vortrag mit Ton/Bildmedien von Jörg Bergstedt

Wo? Neue Aula, Tübingen Geschwister-Scholl-Platz, Hörsaal 10, 1. Stock

Beschreibung: Der Sonderberichterstatter über Folter des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, Juan E. Méndez, hat in der 22. Sitzung des „Human Rights Council“ am 4. März 2013 Zwangsbehandlung in der Psychiatrie zu Folter bzw. grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung erklärt.

In Deutschland werden dennoch jedes Jahr um die 240.000 Menschen gegen ihren Willen psychiatrisch zwangsbehandelt. Der investigative Journalist und Aktivist Jörg Bergstedt geht der Frage nach, ob hier Disziplinarmaßnahmen als Therapie verschleiert werden. Seine Ton-Bilder-Schau gibt dabei einen tiefen Blick hinter die Kulissen der Zwangspsychiatrie, dargestellt vor allem aus Unterlagen, die aus den Psychiatrien selbst stammen. Auch Recherche-Ergebnisse zu ökonomischen Faktoren und Organisations-Strukturen werden dabei vorgestellt.
Den Abschluss bildet die Frage, wie eine Welt ohne Zwangsbehandlungen aussehen könnte – und was Pippi Langstrumpf damit zu tun hat.

mit freundlicher Unterstützung des Studierendenrats Tübingen

Vorderseite Pippi im Folterland

Vortrag und Diskussion über forensische Psychiatrie am 25.4.2019, Workshop über radikale Selbsthilfekonzepte anhand dem „Ikarus-Projekt“ am 26.4.

Thema: Forensischen Psychiatrie- Einblicke und Ausblicke

Ort: „Burse“ (Bursagasse 1), Raum X

Zeit: 25.4.2019 20-22 Uhr

Beschreibung der Veranstaltung:
Forensische Unterbringung stellt neben der Sicherungsverwahrung eines der mächtigsten Instrumente dar, wodurch Menschen für sehr lange Zeit eingesperrt werden können.
Dabei kommen durch gerichtliches Urteil und Überweisung aus den Psychiatrien immer mehr Menschen in eine forensische Klinik. Während im Gefängnisvollzug relativ klar ist, wie lange eine Strafe abgesessen werden muss, wird im Maßregelvollzug durch Pflegepersonal, Ärzt*innen, Therapeut*innen, Gutachter*innen letztendlich entschieden, wann Gefangene geheilt sind und was das bedeutet.

Juli von der Psychiatrie-kritischen Gruppe Bremen hinterfragt aus ihrem Erfahrungskontext als Patient*innenenfürsprecherin für Forensik Bremen/Ost die Kategorien und deren Bewertungen, die die Grundlage bieten für so eine Behandlung.

Mit freundlicher Unterstützung des Studierendenrat Tübingen

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Workshop mit Austausch: Das „Ikarus“-Projekt- ein Konzept radikaler Selbsthilfegruppen

Zeit: 26.04.2019, ab 19 Uhr

Ort: Hausbar-Keller des Wohnprojektes „Schellingstraße“ (6)

Juli, die am Tage zuvor den Vortrag zu Forensik gibt, bietet einen Workshop an, indem es einen Input über das „radikale Selbsthilfegruppen“– Konzept „Ikarus“ geben wird. Daran angelehnt gibt es Raum für Diskussion und Austausch über Möglichkeiten solcher alternativer Konzepte, die einen anderen kollektiven Umgang mit dem Thema psychischem Leiden anstreben.


Hier noch zwei Links zu der Vorder- und Rückseite des Flyers zu den beiden Veranstaltungen:

Flyer Vorderseite

Flyer Rückseite

Änderung Vortrag 24.1.2019

Da der Referent Christian Küpper wegen Krankheit kurzfristig absagen musste, gibt es nun eine Änderung:

Ich werde selbst ein wenig von einem Vorprojekt des Weglaufhauses in den Niederlanden darstellen, sowie voraussichtlich einen kleinen Film über das Weglaufhaus Berlin zeigen und in groben Zügen das Konzept desselben vorstellen. Dies wird ein knapperes Programm werden, wer trotzdem noch kommen mag- Ort und Zeit wie gehabt:

Datum: 24.1.2019, 20 Uhr

Ort: „Burse“ (Bursagasse 1) ,Tübingen Altstadt, Raum X

Beste Grüße, T.

Vortrag Berliner Weglaufhaus und Kritik an der heutigen (sozial-)psychiatrischen Ordnung am 24.1.2019

Vortrags-Thema: Das Weglaufhaus „Villa Stöckle“ – ein antipsychiatrisches Projekt im 21. Jahrhundert

Ort: „Burse“ (Bursagasse 1, Gebäude der Philosophie und Kunstgeschichte) Raum X

Datum der Veranstaltung: 24.1.2019, 20 Uhr

Christian Küpper ist Diplom-Psychologe und arbeitet im Berliner Weglaufhaus, einer antipsychiatrisch orientierten Kriseneinrichtung, die seit über 20 Jahren im Norden Berlins besteht. Das Weglaufhaus ist das Ergebnis eines langjährigen (fach-)politischen Kampfes aktiver Betroffener und Nichtbetroffener. Christian Küpepr spricht in seinem Vortrag über die Entstehungsgeschichte, die Struktur und die Arbeitsweise des Weglaufhauses. Dabei thematisiert er vor Allem das Widerstanspotential gegenüber der modernen (sozial-)psychiatrischen Ordnung.

Mit freundlicher Unterstützung des „Studierendenrat Tübingen“